Alfred Holzbrecher / Ulf Over (Hrsg.)
Handbuch
Interkulturelle Schulentwicklung

Verlag: Beltz
ISBN: 978-3-407-25715-4

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„Stolperchancen“ im Lehrer-Elterngespräch

Dieser Artikel möchte einige Aspekte zur Optimierung von Lehrer-Eltern-Gesprächen unter kulturspezifischen Aspekten aufzeigen und einige Hinweise zum differenzsensiblen Führen von Gesprächen geben. Ausführlichere Hinweise zu dieser Thematik enthält mein Buch zum „Interkulturellem Arbeiten mit Kindern und Eltern“, in dem ich – neben den kultursensiblen Tipps zur Diagnostik und Förderung der „Migrantenkinder“ im Unterricht - bereits ein ausführliches Training über kultursensible Elternarbeit und viele weitere Beispiele zur lösungsorientierten Gesprächsführung dargestellt habe (vgl. Weschke-Scheer 2013). Das Buch bietet bewährte Formulierungshilfen für schwierige Gesprächssituationen und Rollenspiele zu typischen konflikthaften Gesprächssituationen mit „Migranteneltern“ im Schulalltag. Außerdem skizziert es neue schulpsychologische Ansätze zu einer kultursensiblen LRS- und Dyskalkulie-Diagnose.

Selbsterfahrungsübung: ( Reflexion bei einem konflikthaft erlebten Lehrer-Eltern-Gespräch)

Manchmal werden Sie bei der Analyse Ihres Gesprächs mit „ausländischen Eltern“ die Erfahrung machen oder gemacht haben, dass Sie die „Fremdheit“ der Eltern irritiert hat, dass Ihnen deren Emotionen unerklärlich waren. Oder Sie waren unsicher, wie Sie mit dem (anderen) Nähe- und Distanzverhalten der Eltern und deren Argumenten umgehen sollten. Sie hatten auch vielleicht das Gefühl, mit Ihrer Botschaft bei den Eltern nicht „angekommen“ zu sein. Bei ausländischen Eltern kommt es manchmal zu einem „ interkulturellen Missverständnis“ in der Kommunikation. Die „ Stolperchance“ b ei dieser Irritation im (konflikthaft erlebten) Gespräch besteht für die Lehrkraft darin, sich in Zukunft ein besseres und größeres interkulturelles „Know how“ anzueignen und sich im „Diversity management“ mit den Eltern fit zu machen.

1. Stolperchance: Begrüßung und Blickkontakt

Eine besondere Stolperchance im Kontakt mit ausländischen Eltern sind die Begrüßungsrituale und das landestypische Blickverhalten. Sie sind in den verschiedenen Ländern völlig verschieden. In Asien gibt sich kaum jemand die Hände zur Begrüßung, der Blickkontakt in Afrika und in Arabien ist meist vollkommen anders als bei uns. Selbst im europäischen Rahmen sind die Begrüßungsrituale unterschiedlich. E ngländer g elten in ihren emotionalen und körperlichen Ausdrucksformen als kühler und zurückhaltender im Vergleich zu den Italienern. Die fremden Verhaltensmuster „befremden uns“, verunsichern und führen eventuell zu Konflikten und Missverständnissen. Man kann jedoch jederzeit bei den Eltern n achfragen und eine Art „Meta-Diskussion“ darüber führen, wie jeweils die Begrüßungssituation in dem Herkunftsland der jeweiligen Eltern ist. Oft ergibt sich aus einer Nachfrage ein nettes „Small-talk-Gespräch“ zu Beginn der Begegnung. Nebenbei erwirbt man auch so als Lehrkraft langsam ein größeres interkulturelles Wissen. Es ist jedoch vollkommen klar, dass ein normaler Lehrer nicht jede rituelle Feinheit im Begrüßungsszenario kennen muss, die z.B. ein Schwarzafrikaner aus Nigeria im Unterschied zum K ameruner oder Südafrikaner verwendet. T ipp: Respekt gegenüber der Lehrkraft wird im Allgemeinen z.B. in Afrika oder Asien dadurch ausgedrückt, dass man mehr körperliche Distanz hält als bei uns, den Blickkontakt öfter vermeidet und mit den Augen eher – in unseren Augen - „devot“ nach unten schaut. Ein offener und direkter Blickkontakt wird dagegen manchmal mit Unverschämtheit, Unhöflichkeit oder auch sexuell aufreizendem Verhalten assoziiert. Bei unserer Kultur vermutet man bei einem solchen „unterwürfigen“ Blickverhalten eher Schuldbewusstsein oder Scham und „schlechtes Gewissen“.

Tipp: Wenn Sie Eltern zu einem Gespräch in der Schule empfangen, sollten Sie abwarten, ob Ihnen die Eltern die Hand geben wollen oder nicht. Warten Sie freundlich zugewandt ab und beobachten Sie Blickkontakt und Kontaktaufnahme der Eltern. Fragen Sie auch eventuell bei der indischen Mutter oder dem vietnamesischen Vater nach, wie die Begrüßung in dem Heimatland üblich ist. Smalltalk kann auch eine Art „Türöffner“ für ein gutes Eltern-Lehrer-Gespräch sein, weil sich die Eltern geehrt fühlen, wenn man sich für Ihre Kultur interessiert.

2. Stolperchance: Lautstärke, Dramatik, „Ausdrucksverhalten“ im Gespräch und in der Körpersprache

 enn Sie das Gefühl haben, dass in einem Gespräch (z.B. mit a rabischen Eltern) bei Ihnen eine Art Irritation bezüglich der Lautstärke des Gesprächs, der Theatralik der „Inszenierung“ des Gesprächs oder bei dem Nähe- und Distanzverhalten entstanden ist, können Sie diese Situation zum Gegenstand des Gesprächs machen. Zum Beispiel: „Ich hoffe es ist Ihnen recht, wenn ich jetzt anspreche, was mich eben verunsichert hat. Bei uns ist es üblich, dass man sich ruhig und sachlich miteinander unterhält... Wie wird dies bei Ihnen gemacht? ...“ „Wahrscheinlich wollen Sie das oder das oder ...... viel ....... erreichen, wenn Sie so laut ........ mit mir reden. Wir können jetzt auch in aller Ruhe besprechen, was Sie mir sagen wollen...Welche Möglichkeiten sehen Sie, wie wir besser in Kontakt kommen...“

Tipp: Mit Eltern aus dem arabischen oder türkischen Kulturraum sollten Sie ein Gespräch mit einem (ausführlichem) Smalltalk beginnen, um eine gute Atmosphäre zu schaffen. Erst wenn die Stimmung gut ist, sollte man mit den sachlichen Themen des Beratungsgesprächs beginnen. Es ist nie sinnvoll, direkte Schuldvorwürfe zu äußern, da ein Eingeständnis von Schuld in vielen Kulturen als Schwäche angesehen wird und „notwendigerweise“ zu einer größeren Verteidigungshaltung und damit zu mehr Dynamik, Lautstärke und Theatralik führt. Tipp: Ist Ihnen ein Gesprächspartner beim Reden zu laut, zu heftig in Gestik und Mimik, können Sie auch nonverbal agieren und z.B. mit Ihrem Körper ein wenig zurückweichen, ruhig durchatmen und mit beruhigenden Handbewegungen zeigen, dass Sie alles gut verstanden haben. Sie werden beobachten, wie sich Ihr Gegenüber merklich entspannt. Man kann im Allgemeinen einen quasi hypnotischen Einfluss durch die entsprechende Körpersprache ausüben. Sie können auch sagen: „Ich merke, Sie sind aufgeregt. Wann und wie können wir in Ruhe – wenn Sie sich wieder etwas beruhigt haben - über das Thema sprechen.“

Tipp: Ist Ihr Gegenüber zu leise, zu gehemmt oder zu wenig mitteilsam, können Sie etwas näher zu ihm rücken, ihn interessiert ansehen, sprachliche Äußerungen mit „mhmm“, „ja“ oder „tatsächlich“ verstärken und ihn so zu deutlicheren Äußerungen veranlassen. Fragen Sie nach: „Habe ich Sie jetzt richtig verstanden, das...?“ oder „Es klingt so, als ob...?“ „Meinen Sie vielleicht,...?“

Je nach Kultur variiert die Körpersprache. Wenn Sie sensibel darauf achten, werden Sie bald erkennen und intuitiv wahrnehmen können, mit welcher Art und Weise in den jeweiligen Ethnien normalerweise kommuniziert wird. Sie werden ein Gespür dafür bekommen für die verschiedenen „kultur“(?)-spezifischen „Verhaltens-Muster“ Sicherlich orientieren wir uns bei einem Erstkontakt an den Bildern, die wir von den verschiedenen „Kulturen“ im Kopf haben. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Sie genau h inschauen, w ie Ihr Gegenüber kommuniziert. Bleiben Sie s ensibel in der Wahrnehmung und spiegeln Sie dem entsprechend verstärkend oder abmildernd mit Ihrer Körpersprache und Ihrer verbalen Reaktion. Im Umgang mit den Eltern sollten Sie zunehmend lernen, sich f lexibel auf die jeweiligen Kommunikationsstrategien einzustellen. Sie erreichen bei Ihren Elterngesprächen viel mehr, wenn Sie versuchen, sich auf kulturell und milieubedingte Verhaltensmuster der Eltern einstellen und sich vom Anderen her denken. Fragen Sie nach, wenn Sie sich durch irgendetwas irritiert oder befremdet fühlen in der Gesprächssituation. Ihre interessierte Haltung gegenüber einem (gleichberechtigtem) „Partner“ fördert die Verständigung und ist förderlich bei der Lösung von Problemen und Konflikten. Tipp: Überreichen Sie Gegenstände nach Möglichkeit immer mit zwei Händen und nie alleine mit der linken Hand. Besonders in arabischen und asiatischen Kulturen gilt die linke Hand als unhöflich.

3. Stolperchance: Unterschiedliche Werte-Vorstellungen – Vorurteile

Im Gespräch mit Eltern werden Sie immer wieder mit Wertvorstellungen konfrontiert werden, die nicht den eigenen Werten entsprechen. So sind z.B. die Sauberkeitsnormen, die Vorstellungen von Ordnung und Pünktlichkeit in den verschiedenen Nationen unterschiedlich. Wann ein „aufgeräumter“ Schreibtisch vorliegt, ist auch bei einheimischen Bürgern umstritten. Die wichtigsten Werte sind in manchen Ländern Ehrlichkeit, in anderen Ländern dagegen Familiensinn oder Hilfsbereitschaft. Wenn es also in einem Elterngespräch zu einem K onflikt um Wertvorstellungen kommt, macht es wenig Sinn, wenn Sie bei den Eltern mit nichtdeutschen Wurzeln Ihre Pünktlichkeits- und Ordnungsvorstellung als die einzig richtige „durchsetzen“. Zielführender könnte in einem solchen Elterngespräch sein, dass Sie die u nterschiedlichen Normvorstellungen zum Inhalt des Beratungsgesprächs machen und die Eltern fragen, wie sie sich vorstellen könnten, dass mit diesem Normenkonflikt umgegangen wird. „Wie können Sie und ich dazu beitragen, dass Ihr Kind in Zukunft w eniger Probleme in der Schule hat mit den Hausaufgaben und der Pünktlichkeit?“

Ein Beratungsgespräch sollte durchaus ergebnisoffen g eführt werden. Die Eltern sollten das Gefühl bekommen, dass sie als Ratsuchende gleichberechtigte Expert / innen sind und quasi autonome Kunden sind im Sinne von „kundig“. Man sollte vom „Klagen“ zum „Wünschen“ kommen und Ziele und Lösungen für die Zukunft gemeinsam formulieren. Kleine Veränderungen sind notwendige Voraussetzungen für größere Veränderungen bei dem Schüler. Die Gegenwart oder die Zukunft sind wichtiger als die Vergangenheit und der Aufbau von Vertrauen und Kooperation hat absolute Priorität. Außerdem sollte die B eratung ohne Schuldzuweisung über die Bühne gehen. In einem lösungsorientierten Gespräch kann man manchmal auch besondere „ Ressourcen“ der Eltern herausfinden, die die Konfliktlage mit dem Schüler entschärfen können. Viele Eltern sind dankbar für ein Lob wegen ihrer Bemühungen als Eltern, denn ein „Expertenlob“ öffnet oft Türen für eine bessere Kommunikation.

4. Stolperchance: Mehrsprachigkeit

Auch wenn ausländische Eltern oft nur ungenügend Deutsch sprechen oder verstehen, sprechen sie oft andere Sprachen fehlerlos. Viele Schüler wachsen in Deutschland mehrsprachig auf Wenn Sie als Lehrkraft mehrere Sprachen sprechen oder auch durch einen längeren Auslandsaufenthalt „softskills“ durch das „Fremdsein“ in dem anderen Land erworben haben, werden Sie sich oft besser einfühlen können in die nicht immer einfache Situation der Eltern mit Migrationshintergrund. Ihre Haltung wird vermutlich offener sein zur kulturellen Vielfalt in der Schule.

Bei Verständigungsproblemen mit Eltern ist es gelegentlich sinnvoll, (mehrsprachige) Schüler als „Übersetzer“ in die Elternsprechstunde mitzunehmen. In t raditionell arabischen Kreisen sollten diese Schüler unbedingt Familienmitglieder sein, weil die internen Probleme innerhalb der Familie gelöst werden und nicht nach außen dringen sollen. Es ist eine „Familienweisheit“, zusammen zu halten und sich gegenseitig zu helfen. Im Gegensatz dazu wäre es in einer traditionell asiatischen Familie ein Kunstfehler, z.B. einen Cousin bei den Schulproblemen übersetzen zu lassen. Der „innerfamiliäre Gesichtsverlust“ wäre für die Familie zu groß, wenn die Schwierigkeiten des Kindes bei den Verwandten bekannt würden. Es ist hier besser, einen externen Dolmetscher heranzuziehen.

Vielleicht ist es bei t ürkischen oder afrikanischen Familien sinnvoll, den einflussreichsten Vater oder Großvater der Familie oder des Clans zu einem wichtigen Elterngespräch einzuladen. Auch bei Sinti- und Roma-Familien ist es manchmal geschickt, den Rat von besonderen Familienvorständen bei Entscheidungen einzuholen.

Eine gute Möglichkeit bei sprachbedingten Verständigungsproblemen mit einzelnen Eltern ist es natürlich auch, andere mehrsprachige Eltern aus der Klasse mit in die Sprechstunde einzuladen, die eventuell auch als informelle „Übersetzer“ dienen können. In der (länderspezifischen) Community vor Ort können diese Eltern den Landsleuten manche schulische Maßnahme noch einmal erklären und so für eine größere Transparenz sorgen. Sind bestimmte Aspekte des Schulsystems noch unbekannt, können diese den betroffenen Eltern genau geschildert werden. Auch bei anderen schulischen Veranstaltungen wie Elternabenden, Länderabenden, Schulfesten und internationalen Projekten können sprachkompetente Eltern wertvolle Unterstützung bieten, wenn die Lehrkraft darum bittet. Inzwischen bieten auch viele Schulen deutsche Sprachkurse für Eltern an, auf die eine geschickte Lehrkraft hinweisen kann.

5. Stolperchance: Eltern mit „schwierigen Verhaltensmustern“

Kernaufgaben bei jedem Beratungsfall mit Eltern, also auch im migrantischen Kontext sind: 

Manchmal ist der Wurm drin bei Beratungsgesprächen. Das kann daran liegen, dass einzelne deutsche und ausländische Eltern oder auch Lehrkräfte schwer erklärbare Verhaltensmuster zeigen und dass Lehrer/innen zu wenig Wissen über psychologisch geschickte Gesprächsführung haben oder kulturspezifische Vorurteile vorliegen. Lehrer/innen werden in ihrer Professionalität stark gefordert durch die Hilflosigkeit der Eltern, Verzweiflung über die Lebenssituation, wütendes

oder aggressives V erhalten der Eltern, Ignoranz oder V erschlossenheit der Gesprächspartner, Abwehrhaltung gegenüber dem Beratungsprozess oder „Übergriffigkeit“ gegenüber Kindern oder Lehrkräften, ungeeignete Erziehungsmaßnahmen der Eltern, usw. Das Lehrer-Eltern-Gespräch ist manchmal auch blockiert durch starke Vorurteile auf der Lehrerseite: Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass auch die eigenen Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster kulturell geprägt sind.

Im Prinzip fallen bei Eltern mit Zuwanderungsgeschichte dieselben Beratungs-Szenarien an wie bei deutschen Eltern. Nur wenige gravierende Konflikte in Elterngesprächen sind im engeren Sinn durch interkulturelle Missverständnisse ausgelöst worden. Eine kompetente Lehrkraft findet inzwischen eine umfangreiche Literatur zu l ösungsorientierter und systemischer Eltern-Beratung (vgl. Hegemann 2010, Prior 2009, Weschke-Scheer 2013). Darin wird immer wieder betont, dass es darauf ankommt, die Eltern ernst zu nehmen als Gesprächspartner, mit denen systematisch und gleichberechtigt eine Lösung des Falls erarbeitet wird. Nachfragen ist meist ein guter Türöffner in Gesprächen.

Als Lehrkraft ist es wichtig für Sie, für sich zu sorgen und eine „ r essourcengeleitete Selbstfürsorge“ zu betreiben. Im Kollegenkreis lässt sich im Rahmen von Coaching, Supervisionsgruppen und Team-Teaching eine Menge an beruflichen Konflikten klären. Gerade die interkulturell bedingten Missverständnisse und Fremdheitserfahrungen mit anderen Kulturen können im ständigen Erfahrungsaustausch und Feedback-Prozess der „interkulturell kompetenten Schule“ (Over 2012) mit Schulleitung und Kollegen besprochen werden. Die Lehrer/innen sollten es lernen, sich selbstreflexiv mit Prozessen der Identitätsbildung, Rollenmustern und Kommunikation auseinander zu setzen. Die Welt kommt in den deutschen schulischen Alltag; dies ermöglicht allen Beteiligten ein interessantes, interkulturelles Lernfeld, das viel Freude bereiten kann und eine große Bereicherung ist.

6. Stolperchance: Posttraumatische Belastungsstörungen

Selbsterfahrungsübung ( Reflexion zur Posttraumatischen Belastungs-Störung und zur Einfühlung in die Situation von „geschädigte Familien“)

Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn Sie diese Dinge oder Personen verlieren würden durch eine Naturkatastrophe, Krieg, Gewalt oder ein anderes Unglück. Schreiben Sie Ihre Gedanken dazu auf:

  • Wie würden Sie reagieren?
  • Welche Gefühle wären wahrscheinlich?
  • Was wären Ihre ersten Handlungen?
  • Wo und welche Art der Hilfe würden Sie suchen?
  • Wie würden Sie mit Ihren Ängsten umgehen?

Manche Familien verkraften die Bedingungen der Migration ohne größere psychische und körperliche Symptome und die sogenannte „Integration“ verläuft im schulischen Alltag unauffällig. Manchmal zeigen sich dagegen posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) bei den Kindern und Eltern in vielen Belastungs-Aspekten und Symptomen: z.B. (vgl. Joannides 2006)

 
  • in Intrusionsphänomenen wie Flashbacks, Alpträumen, Bedrängnis, physikalischer Erregung
  • in Vermeidungsverhalten wie Betäubungssucht, Amnesie, Interesselosigkeit, Isolation, geringer Affektausprägung
  • in einem erhöhten „Arousal“ mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Hypervigilanz, Schreckhaftigkeit, Aggressivität...
  • in psychosomatische Auffälligkeiten

Kulturspezifische Angst- und Belastungsstörungen n ennt Joannides (2006)

  • „Schreckkrankheit“ bei verschiedenen Personen aus Lateinamerika mit Symptomen wie Nervosität, Insomnia, Anorexie, Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Diarrhö
  • „ataque de nervios“ ein komplexes Zustandsbild mit Aggressivität, Weinausbrüchen und Zitteranfällen besonders bei Personen aus Puerto Rico
  • „ Herzschwächesyndrom “beider Khmer Bevölkerung, die mit Herzklopfen und Schwindelgefühlen beginnt und durch Panikattacken gekennzeichnet sind.

Nach Pliska (2011) gibt es „Problemhäufungen“: Zum Beispiel sind überzufällig oft viele türkische, arabische und afghanische Mädchen in der Pubertät mit Identitätsproblemen und Selbstsicherheitsproblemen belastet. Sie werden zwischen den Rollenvorstellungen der europäischen Welt („Selbstständigkeit“, Emanzipation der Frauen) und den Werten ihrer alten „Heimat“ (Für die Familie und den Mann da sein, Bedürfnis nach Versorgung) hin- und hergerissen. Nicht selten resultieren daraus massive Regressionswünsche, verschiedene Essstörungen und Selbstverletzungshandlungen. B ei russischen Familien mit ihren Kindern wird dagegen das Suizidrisiko aus dem Heimatland mitgenommen.

Im Elterngespräch mit ausländischen Eltern kann es deswegen sinnvoll sein, bei vermuteter „Schädigung der Familie“ behutsam(!) nachzufragen, wie sich die Migrationserfahrungen auf das Kind oder andere Familienmitglieder ausgewirkt haben. Ein offenes und vertrauensvolles Gespräch darüber kann zur Entspannung der Situation beitragen, weil manchmal Ängste über die „Familiengeheimnisse“ abgebaut werden können und die Lehrkräfte das betroffene Kind mit anderen Augen sehen können. Der normale Unterricht kann für traumatisierte Kinder und ihre Familien manchmal durchaus therapeutischen Wert haben, weil die Schule quasi ein Ort der Sicherheit ist. Natürlich sollte man bei gravierenden psychischen und körperlichen Problemen Schulpsychologen, psychosoziale Fachkräfte und Psychotherapeuten einschalten. Geeignete Spezialisten der Flüchtlingsberatungsstellen können gute Hilfe leisten.

 

Literatur:

Bering, Robert (Hrsg.) (2006): Zeitschrift für Psychotraumatologie und psychologische Medizin, Themenschwerpunkt: Psychotraumatologie in der Medizin. Heft 1. Asanger Verlag: Kröning

Hegemann, Thomas (2010): Interkulturelle Beratung. Istob Verlag: München

ISB (2013): ISB-Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung / Bayerisches Staatsministerium für Bildung, und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.) (2013): Broschüre „Inklusion an Schulen in Bayern- Informationen für Beratungsfachkräfte und Schulpsychologen“, München, S.35.

Uta.englisch@isb.bayern.de und ISB-Material „Individuell fördern“: www.foerdern-individuell.de

Joannides, Gerasimos (2006): PTBS im interkulturellen Kontext: Ist das Konzept auf Flüchtlinge und Folteropfer aus nicht-westlichen Ländern anwendbar? Asanger Verlag: Kröning, Seite 17-X X, in Bering, Robert (Hrsg.) (2006): Zeitschrift für Psychotraumatologie und psychologische Medizin, Themenschwerpunkt: Psychotraumatologie in der Medizin. Heft 1. Asanger Verlag: Kröning

Pliska, Guido (2011): Interview in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 02.05. 2011, München

Prior, Manfred/Winkler, Heike (2009): Mini-Max für Lehrer -16 Kommunikationsstrategien mit maximaler Wirkung. Beltz Verlag: Weinheim

Over, Ulf (2012): Die interkulturell kompetente Schule. Waxmann Verlag: Münster

Weschke-Scheer, Barbara (2013): Interkulturelles Arbeiten mit Kindern und Eltern. Lehrerbücherei Grundschule. Cornelsen Scriptor: Berlin, vgl. auch www.Lehrerkompetenz-interkulturell.de