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Leseprobe: Vorwort

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.
Karl Valentin

Frägt ein Fremder in einer fremden Stadt einen Fremden um irgend etwas, was ihm fremd ist, so sagt der Fremde zu dem Fremden, das ist mir leider fremd, ich bin hier nämlich selbst fremd.
Karl Valentin

Die alte an rein hierarchischen Werten orientierte Pädagogik ist ein Stück weit überholt. Systemische und beratende Pädagogik ist gefragt, weil sie der Verschiedenheit der Menschen und Strukturen des Schulsystems gerecht zu werden versucht und prozessorientierter ist. (vgl. Miller 2011, HegeMann 2010, Prior 2009). Die schulische Wirklichkeit wird täglich neu „konstru- iert“ durch Lerninhalte, Werte, Rituale, Körpersprache und alltägliches Leben.

Der Handlungsdruck der Lehrer in den Klassenzimmern wird größer, weil die Kinder der heutigen Schulen aus allen Teilen der Welt kommen. Lehrer (und auch Schüler) brauchen vermehrt Formulierungshilfen für ihren beruflichen Alltag. Zu komplex werden die Anforderungen durch den neuen nach Europa strömenden kulturellen Input.

Die Mehrheit der Migranten lebte zuvor in Großstädten, die sich wegen der Globalisierung immer mehr angeglichen haben – trotz der jeweiligen unterschiedlichen kulturellen Situation. Die Kinder bringen jedoch die Ge- gensätze und Widersprüche aus ihrer Heimat in die hiesigen Klassenzim- mer mit. Die Lebensumstände der Emigranten verlangen in den heutigen Schulen ein „Gegengewicht“, damit die verschiedenen „Herkünfte“, die kul- turellen Hintergründe und die Kommunikationsregeln der verschiedenen Ethnien ausbalanciert werden können.

Neben den didaktischen Kompetenzen braucht ein modernes Klassen- management ein solides, interkulturelles Know-how, ein Wissen über spe- zi sche Kommunikationsregeln und Kultur-besonderheiten der verschiedenen Ethnien.

Lehrer, die sich über die ethnischen Besonderheiten ihrer heutigen Schulkinder bewusst sind, entwickeln Sensibilität für die kulturellen Besonder- heiten des jeweiligen Kindes. Sie können dann damit spielerisch in ihrem Unterricht umgehen und auch in Elterngesprächen geschickt agieren. Missverständnisse entstehen o  durch Kleinigkeiten. Die strenge Au or- derung des Lehrers an einen neu immigrierten Schüler aus einem schwarz- afrikanischen Land, ihm bei einem Tadel in die Augen zu schauen, kann kontraproduktiv sein, da sich das Kind dadurch eventuell bedroht fühlen könnte. Der Schüler, der dem Blickkontakt des Lehrers ausweicht oder der die Augen niederschlägt, sollte von dem Lehrer auch als ein Respekt bezeu- gender Schüler wahrgenommen werden können. Vielleicht ergibt sich spä- ter im Unterricht einmal die Gelegenheit, den Schülern die kulturspezi - schen Unterschiede des „Blickverhaltens“ in einigen Ländern Afrikas, Asiens und Europas zu erklären und sie für die unterschiedlichen Gesten und Verhaltensweisen zu sensibilisieren.

Die „Probleme, mit denen Migrationsfamilien“ in die schulpsychologischen Beratungsstellen kommen, sind nach Mariola Taborska (2011) „die aller Ratsuchenden“. Sie sind „zum Teil mit belastenden Migrationserfah- rungen verbunden und der mangelnden Sprachbeherrschung“. Die Autorin emp ehlt, sich ein „Bild des alltäglichen Lebens zu machen, die Art der Kommunikation in der Familie und der Herkun sfamilie“ zu beobachten. Dabei achtet sie „auf die nonverbale Sprache wie z. B. den Blickkontakt oder auf die Offenheit bzw. Direktheit, mit der mit Problemen oder Schwierigkeiten umgegangen wird“. Im Beratungsprozess ist die „Frage nach Nähe und Distanz in den jeweiligen Kulturen“ von relativ großer Wichtigkeit. Entscheidend sind das „authentische Interesse an der Geschichte“ der je- weiligen Klienten und die Wertschätzung der Migrationserfahrungen. Ziel der Elternberatung ist es, Ressourcen orientiert am Kind zu erarbeiten, Un- sicherheiten in Bezug auf die erzieherischen Vorgehensweisen bei Eltern und Lehrkräften abzubauen sowie zugrunde liegende Normen und Werte zu re ektieren.

Für die Lehrkräfte bedeutet dies, sich über eigene Vorurteile und kulturelle Hintergründe bewusst zu werden und sich in fremde Kulturen einzufühlen.

Dieses Buch will mit seinen konkreten, kulturspezi schen Tipps zu einem guten Miteinander an den Schulen beitragen. Die Prinzipien des kultursensiblen Unterrichtens und der lösungsorientierten Beratung der Eltern sollte bestimmt sein von Wertschätzung und Autonomie der Beteiligten. Ressourcenorientierung und der Au au von vertrauensvollen Kontakten sollten selbstverständlich sein.

Bedanken möchte ich mich bei den vielen Kindern und Familien aus den verschiedenen Ländern, die mich im täglichen Unterricht oder bei der schulpsychologischen Beratung teilhaben ließen an dem Reichtum ihrer jeweiligen Ethnien. Bedanken möchte ich mich bei den vielen (ausländischen) Deutschlehrern vom Goethe-Institut und meinen Münchner Dialogpartnern mit „Migrationshintergrund“, mit denen ich wunderbare Gespräche über die verschiedenen Herkun sländer und ihre interessanten soziokulturellen und politischen Gegebenheiten geführt habe.

Das Buch ist sicherlich verbesserungs- und ergänzungswürdig und in manchen Aspekten vielleicht zu klischeeha . Sollten Sie Wünsche oder Anregungen haben, freue ich mich über Ihre Zuschrift.

München, im Oktober 2012 Barbara Weschke-Scheer


Kultursensible Elternarbeit

1.1 „Niederschwellige Elternarbeit“ von Anfang an

Wichtig ist es, dass man im Unterricht nicht nur zu den Kindern einen wertschätzenden Kontakt au aut, sondern auch die Eltern der Migrantenkinder mit ins Boot holt. Auch wenn diese die deutsche Sprache noch nicht besonders gut sprechen, können sie doch im Schulalltag wertvolle Helfer sein.

Wie erhalte und pflege ich einen guten Kontakt zu den „Migranten-Eltern“? Es gibt viele Möglichkeiten und Methoden der niederschwelligen Elternarbeit.

Miteinander reden und sich informieren, die Eltern ins Boot holen:

Schon bei der Schuleinschreibung kann man sich etwas Zeit nehmen für den Kontakt mit den Eltern. Fragen nach den Gründen der Migration oder der bisherigen Zeit in Deutschland sind sinnvoll. Man kann Infor- mationsmaterialien in den Landessprachen verteilen und Hinweise für günstige Deutsch-Sprachkurse für Mütter und Väter geben. (Argument: „Damit können Sie Ihren Kindern besser bei den Hausaufgaben helfen.“)

Tipp Wenn Migranteneltern ihre Landsleute zu einem unterhaltsamen Elternabend einladen, ist die Resonanz im Allgemeinen viel größer und es kommen wesentlich mehr Eltern.