Kulturspezifische Legasthenie-Diagnostik


Den Schulpsychologen werden immer wieder Kinder mit Legasthenie - ähnlichen Symptomen gemeldet, die gleichzeitig einen „Migrationshintergrund“ haben. Manchmal hängen die Schwierigkeiten bei der Lautanalyse und beim Erlernen des Schreibens und des Lesens mit den Spracherfahrungen aus dem Herkunftsland zusammen.

Beispiel 1:

Ein Schüler verwechselt beim Schreiben laufend „u“ und „a“ und „o“ ohne dass ein systematischer Hörfehler vorliegt. In vielen Sprachen gibt es „Misch-Vokale“, die kein eindeutiges Zuordnen der Laute zulassen. Beispielsweise wird im Ungarischen das Wort „Balaton“ mit drei verschiedenen „A-Lauten“ lautiert. Auch im Russischen, Arabischen und im Persischen gibt es einen uneindeutigen „ua“-Laut. Kinder mit der Hörerfahrung aus diesen Sprachen tun sich bei der Lautanalyse in der ersten Klasse schwer und sie machen häufig systematische Schreib- und Aussprachefehler, die von den Grundschullehrkräften nicht immer erkannt werden und zu falschen Legasthenie-Diagnosen führen.

Beispiel 2:

Ein Kind schreibt

statt Schule → suhulu und statt Spielplatz → Sipilipilac und statt Wiese → Wise und es fügt statt einem „Dehnungs-h“ ein „ –ǧ“ ein. (analog wie bei Erdoǧan)

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist hier ein türkisches Kind der Rechtschreiber, da es die sogenannte „kleine und große Vokalharmonie“ und die anderen Rechtschreibregeln der türkischen Sprache logisch anwendet. Im Türkischen gibt es eben kein „ie“ und dafür den Dehnungslaut „-ǧ“.

Wenn das Kind mit den traditionellen Rechtschreibtests der normalen Legasthenie-Diagnose getestet würde, käme rein rechnerisch vielleicht ein „lupenreiner Legastheniker“ heraus.


Hier versucht die „kulturspezifische Legasthenie-Diagnostik“

den Blick der Lehrkräfte und Schulpsychologen zu schärfen. Viele Rechtschreibprobleme der Erst- und Zweitklässler lassen sich durch das Erklären der systematischen Rechtschreibstrategien erklären. Die Kinder schreiben richtig, wenn sie den unterschiedlichen sprachkulturellen Zusammenhang verstanden haben.


Entnehmen Sie nähere Hinweise zu diesem neuen Fachgebiet der schulpsychologischen Diagnostik dem Buch von

Barbara Weschke-Scheer (2013): Interkulturelles Arbeiten mit Kindern und Eltern, Cornelsen Scriptor Verlag in der Reihe Lehrerbücherei Grundschule, Berlin, ISBN 978-3-589-16202-4

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